Europas Cannabisbranche wächst schnell, und der aktuelle Europa-Report von Prohibition Partners liefert erstmals belastbare Zahlen dazu. Er beschreibt einen Kontinent, auf dem Regulierungsreformen, steigende Patientenzahlen und ein rasant wachsendes Exportgeschäft die Marktführer neu sortieren. Den Markt und die äußeren Faktoren haben wir bereits behandelt. Hier geht es um die Zahlen.
Reform, Nachfrage und Export
Drei Kräfte treiben den europäischen Markt an. Erstens die Regulierung: Länder, die Anbaulizenzen öffnen und Verschreibungswege vereinfachen, wachsen sofort spürbar. Zweitens die Patientennachfrage, die sich durch Telemedizin überhaupt erst in der Breite bedienen lässt. Drittens der Export: Portugal, Dänemark und Tschechien liefern längst in industriellem Maßstab an die großen Nachfragemärkte.
Daraus ergibt sich ein Binnenmarkt mit klarer Arbeitsteilung. Im Norden und Westen sitzt die Nachfrage, im Süden und Osten die Produktion. Entlang dieser Achse entscheidet sich, wohin Genetik, Qualitätsstandards und Preise in Europa laufen.
Deutschland: Reform entfacht Rekordwachstum
Deutschland bleibt Europas größter Markt für medizinisches Cannabis. 2025 liegt der Marktwert bei über 670 Millionen Euro, für 2029 prognostizieren die Analysten 1,32 Milliarden Euro, also praktisch eine Verdopplung in vier Jahren.
Importe und Anbau
Die Importe haben sich 2024 auf 72.000 Kilogramm verdoppelt. Hauptlieferanten sind Kanada, Portugal und Dänemark. Parallel dazu hat sich der heimische Anbau grundlegend verändert: Vom stark begrenzten Ausschreibungsmodell ging es zu einem offenen Lizenzsystem. Produzenten wie Tilray/Aphria, Aurora und Demecan bauen ihre Kapazitäten bereits aus.
Preise unter Druck
Mehr Wettbewerb bedeutet niedrigere Preise. Der Durchschnittspreis für Blüten fiel innerhalb eines Jahres von 10,19 Euro auf 7,42 Euro pro Gramm. Blüten dominieren weiterhin mit 86 Prozent aller Produkte, doch andere Darreichungsformen wie Extrakte, Öle und Vaporisationsprodukte gewinnen langsam an Boden.
Genussmarkt: Anbauvereinigungen und Modellprojekte
Auf der Freizeitseite sind unter dem Cannabisgesetz (CanG) mehr als 230 Anbauvereinigungen aktiv. Zusätzlich haben 28 Landkreise in 10 Bundesländern Anträge für Modellprojekte zum regulierten Verkauf gestellt, um die Effekte eines legalen Marktes wissenschaftlich zu untersuchen.
„Die Kombination aus Regulierungsreform, Telehealth-Infrastruktur und wachsendem heimischen wie internationalen Angebot setzt den Maßstab dafür, wie schnell Medizinalcannabis-Märkte skalieren können“, sagt Alex Khourdaji, Senior Analyst bei Prohibition Partners.
Großbritannien: der zweitgrößte Markt Europas
Der britische Medizinalcannabis-Markt liegt aktuell bei über 258 Millionen Pfund (rund 300 Millionen Euro) und soll bis 2029 auf 543 Millionen Pfund (etwa 630 Millionen Euro) klettern. Mehr als 30 Telehealth-Plattformen versorgen Patienten. Der digitale Zugang trägt hier das ganze System.
Auch der heimische Anbau wächst. Unternehmen wie Glass Pharms, Dalgety und Celadon skalieren ihre Produktion; Glass Pharms allein soll im Rahmen eines Liefervertrags mit Releaf Clinics jährlich 1.750 Kilogramm liefern. Die Importe sind trotzdem gestiegen: von unter 3 Tonnen vor 2022 auf 15,5 Tonnen im Jahr 2024. Bis März 2025 waren bereits über 2 Tonnen eingeführt. Die Patientenzahl liegt bei 50.000 bis 60.000, zum Jahresende werden 80.000 behandelte Patienten erwartet.
Die Blütenpreise bleiben stabil, mit einem leichten Rückgang von 7,47 auf 7,05 Pfund pro Gramm. „Mit wachsendem heimischen Anbau und fest verankertem digitalen Zugang entwickelt sich der Markt schnell von der Nische zum Mainstream und schafft Chancen für globale Player wie für lokale Pioniere“, so Lawrence Purkiss, Senior Analyst bei Prohibition Partners.
Polen, Dänemark und Tschechien: die aufsteigenden Exporteure
- Polen ist inzwischen Europas viertgrößter Medizinalcannabis-Markt mit prognostizierten 72 Millionen Euro für 2025, getragen von Telemedizin und neuen Produktzulassungen.
- Tschechien hat seine Exporte nach Anbaureformen deutlich gesteigert und 2024 rund 1.300 Kilogramm nach Deutschland geliefert.
- Dänemark exportierte im selben Jahr über 7 Tonnen nach Deutschland, nachdem das Pilotprogramm in Dauerrecht überführt wurde.
Portugal: Europas Anbau-Hub
Portugal hat 2024 über 18 Tonnen Medizinalcannabis exportiert, ein Plus von 54 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Knapp die Hälfte ging nach Deutschland, gefolgt von Spanien, Polen, Großbritannien und Australien. Während Portugal zur globalen Lieferadresse aufsteigt, bleibt der Zugang für Patienten im eigenen Land eng begrenzt: hohe Kosten, ein striktes Genehmigungsverfahren und keinerlei Kostenerstattung durch das Gesundheitssystem.
Schweiz: Pilotprojekte auf dem Weg zur Legalisierung
Die 2023 gestarteten Schweizer Pilotprojekte für den Genussmarkt umfassen inzwischen mehr als 10.000 Teilnehmende in sieben Projekten. Die bisherigen Ergebnisse: kein Anstieg des Konsums, dafür besserer Zugang zu sichereren Produkten und weniger Abhängigkeit vom Schwarzmarkt.
Bis Ende 2025 sollen die Verkäufe aller Pilotprojekte zusammen 23,7 Millionen Euro erreichen. Ein Gesetzesentwurf für eine landesweite Legalisierung wurde auf Kommissionsebene bereits angenommen, die finale Abstimmung wird 2026 erwartet.
Was das für uns Grower bedeutet
Die Zahlen zeigen vor allem eines: Professionalisierung. Wo Preise fallen, entscheidet nicht mehr die Verfügbarkeit, sondern die Qualität, also Terpenprofil, stabile Genetik und reproduzierbare Ergebnisse. Da zahlt sich seriöse Züchtung aus. In einem Markt, der von 670 Millionen auf 1,32 Milliarden Euro wächst, hat Mittelmäßigkeit immer weniger Platz.
FAQ
Welches ist Europas größter Cannabismarkt?
Deutschland, mit einem Marktwert von über 670 Millionen Euro im Jahr 2025 und einer Prognose von 1,32 Milliarden Euro für 2029. Getrieben wird das Wachstum durch die Reform des Verschreibungsrechts, Telemedizin und ein offenes Lizenzsystem für den heimischen Anbau.
Warum fallen die Blütenpreise in Deutschland so stark?
Weil Angebot und Wettbewerb gleichzeitig zunehmen. Importe haben sich 2024 auf 72.000 Kilogramm verdoppelt, gleichzeitig bauen heimische Produzenten ihre Kapazitäten aus. Der Durchschnittspreis sank dadurch binnen eines Jahres von 10,19 auf 7,42 Euro pro Gramm.
Welche Rolle spielt Telemedizin?
Eine zentrale Rolle. In Großbritannien versorgen über 30 Telehealth-Plattformen die Patienten, auch Polens Aufstieg zum viertgrößten Markt Europas basiert wesentlich darauf. Digitaler Zugang senkt die Einstiegshürde und beschleunigt das Patientenwachstum.
Wer beliefert Europa mit Medizinalcannabis?
Portugal ist der Produktionsriese mit über 18 Tonnen Export im Jahr 2024. Dänemark lieferte allein nach Deutschland mehr als 7 Tonnen, Tschechien rund 1.300 Kilogramm. Hinzu kommt Kanada als wichtiger außereuropäischer Lieferant.
Warum haben portugiesische Patienten kaum Zugang?
Portugal exportiert stark, versorgt aber im Inland nur wenige Patienten. Gründe sind hohe Produktkosten, ein striktes Genehmigungsverfahren und das Fehlen einer öffentlichen Kostenerstattung. Produktion und Versorgung laufen dort also deutlich auseinander.
Was zeigen die Schweizer Pilotprojekte?
Über 10.000 Teilnehmende in sieben Projekten, und bislang kein Anstieg des Konsums. Stattdessen berichten die Teilnehmenden von besserem Zugang zu sicheren Produkten und weniger Kontakt zum illegalen Markt, ein Argument für die 2026 anstehende Abstimmung über eine landesweite Legalisierung.
Wie weit ist Deutschlands Genussmarkt?
Unter dem CanG sind mehr als 230 Anbauvereinigungen aktiv. Zusätzlich haben 28 Landkreise in 10 Bundesländern Modellprojekte für regulierten Verkauf beantragt, mit denen die Auswirkungen eines legalen Marktes wissenschaftlich begleitet werden sollen.
Welche Länder sollte man als Nächstes beobachten?
Die Schweiz wegen der Legalisierungsabstimmung 2026, Polen wegen des rasanten Patientenwachstums und Tschechien wegen seiner Anbaureformen. Alle drei könnten die Rangfolge der europäischen Märkte in den nächsten Jahren spürbar verschieben.
Quellen
- European Cannabis Report – Bericht über den europäischen Cannabismarkt, Prohibition Partners
- Cannabisgesetz (CanG) und Vorschriften zu Medizinalcannabis (MedCanG) – Informationen des Gesundheitsministeriums, Bundesministerium für Gesundheit
- Pilotprojekte zum Cannabisverkauf in der Schweiz – Informationen des Gesundheitsamts, Bundesamt für Gesundheit (BAG)
- Cannabis zu medizinischen Zwecken – Vorschriften und Daten der portugiesischen Arzneimittelbehörde, INFARMED – Autoridade Nacional do Medicamento e Produtos de Saúde




