Ja, das pharmazeutische Potenzial von Cannabis wird derzeit unterschätzt. Zumindest wird es bei Weitem nicht ausgeschöpft. Zu diesem Schluss kommt James Duckenfield, CEO des britischen Medizinalcannabis-Produzenten Glass Pharms. Fast alle Verschreibungen im Vereinigten Königreich stützen sich auf nur zwei Moleküle, obwohl die Pflanze weit mehr zu bieten hat. Duckenfield sieht darin kein Versagen der Wissenschaft. Die Ursachen liegen für ihn in der Geschichte, in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten und in der Lieferkette.
Warum uns das als Züchter interessiert? Weil die Debatte genau dort beginnt, wo unsere Arbeit liegt: bei der Genetik. Ob ein Wirkstoff zuverlässig in der Apotheke landet, entscheidet sich lange vor der Ernte. Er muss in der Pflanze stabil und reproduzierbar ausgeprägt werden. Das ist eine Frage der Selektion, der Anbaukontrolle und der Darreichungsform.
Warum Großbritannien Cannabis medizinisch unterschätzt
Die Geschichte erklärt viel. Cannabistinkturen konnten im Vereinigten Königreich bis 1973 legal verschrieben werden. Danach dauerte es 45 Jahre, bis Arzneimittel auf Cannabisbasis im November 2018 wieder verordnet werden durften. Diese Pause hat eine Lücke in der klinischen Ausbildung hinterlassen. Gleichzeitig hinkt die Regulierung laut Duckenfield bis heute dem Gesetz hinterher, das sie eigentlich umsetzen soll.
Dabei ist die Grundlagenforschung alles andere als neu. Das Endocannabinoid-System ist ein körpereigenes Signalsystem aus Rezeptoren und Botenstoffen, das unter anderem Schmerz, Appetit, Stimmung und Immunantwort mitreguliert. Es wurde Schritt für Schritt entschlüsselt:
- 1988: Forschende charakterisieren die erste spezifische Bindungsstelle für Cannabinoide.
- 1990: Der CB1-Rezeptor wird kloniert. CB1 ist der vor allem im Gehirn vorkommende Rezeptor, über den THC seine psychoaktive Wirkung entfaltet.
- 1990er-Jahre: Es folgen Anandamid, ein körpereigenes Cannabinoid, der vor allem im Immunsystem aktive CB2-Rezeptor und 2-AG (2-Arachidonoylglycerol), der zweite wichtige körpereigene Botenstoff des Systems.
- 2000er-Jahre: Große Pharmakonzerne entwickeln gezielt Wirkstoffe, die an der Cannabinoid-Signalübertragung ansetzen.
Und trotzdem: Fast vierzig Jahre nach der ersten Rezeptorentdeckung steht das Endocannabinoid-System nur an einer einzigen britischen Universität auf dem medizinischen Lehrplan. Wer es im Studium nie kennengelernt hat, verschreibt vorsichtig. Das ist nachvollziehbar, bremst aber die gesamte Entwicklung.
Mehr als zwei Moleküle: Was die Cannabispflanze wirklich enthält
Seit der Legalisierung 2018 hat sich das britische Angebot enorm verbreitert. Heute gibt es verschiedene Sorten, Öle, Edibles, Kapseln und Vape-Kartuschen. Damals hätte sich diese Vielfalt kaum jemand vorstellen können. Duckenfield warnt jedoch vor einem Trugschluss:
Die heutige Vielfalt spiegelt wider, was wir bisher gelernt haben, zuverlässig zu produzieren, zu charakterisieren und zu verschreiben. Das ist nicht dasselbe wie der pharmazeutische Endpunkt der Pflanze. (sinngemäß)
Fast alle Präparate basieren auf THC und CBD. Cannabinoide sind die pflanzlichen Wirkstoffe, die mit dem Endocannabinoid-System interagieren. THC (Tetrahydrocannabinol) ist das berauschende Hauptcannabinoid. CBD (Cannabidiol) ist das wichtigste nicht berauschende. Beide sind vergleichsweise gut erforscht.
Eine Cannabisblüte ist aber keine Zwei-Molekül-Medizin. Sie enthält mehr als 100 Cannabinoide. Dazu kommen Terpene, also die aromatischen Verbindungen, die für Duft und Geschmack sorgen und möglicherweise auch die Wirkung beeinflussen. Außerdem finden sich Flavonoide, pflanzliche Farb- und Schutzstoffe mit eigenem biologischem Profil. Viele dieser Substanzen kennt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Ihr pharmazeutisches Potenzial ist dennoch kaum erschlossen, ob einzeln oder im Zusammenspiel.
Wir sehen das jeden Tag in der Selektion. Zwei Sorten mit identischem THC-Wert können sich in Aroma und Wirkung deutlich unterscheiden. Die Zahl auf dem Etikett erzählt nie die ganze Geschichte.
CBG und THCV: Warum Nebencannabinoide so selten verschrieben werden
Zwei Kandidaten wecken derzeit besonderes Forschungsinteresse. CBG (Cannabigerol) ist die chemische Vorstufe, aus der die Pflanze THC und CBD bildet. THCV (Tetrahydrocannabivarin) ist ein mit THC verwandtes Cannabinoid, das in seiner Wirkung und seinem pharmakologischen Profil davon abweicht. Beide gelten als Nebencannabinoide. So nennt man Wirkstoffe, die in den meisten Sorten nur in geringen Mengen vorkommen.
Exotisch sind sie nicht. Beide Verbindungen sind der Wissenschaft seit Jahrzehnten bekannt. Dass sie seit 2018 dennoch kaum verschrieben werden, hat einen simplen Grund: das Angebot. Wer ein Nebencannabinoid in pharmazeutischer Qualität liefern will, braucht eine Pflanze, die es zuverlässig ausprägt. Und zwar Charge für Charge. Das kostet Zeit, Geduld und viele Selektionsrunden.
Glass Pharms hat diese Arbeit in Wiltshire geleistet. Eine CBG-reiche Sorte ist dort seit über zwei Jahren für berechtigte Patienten verfügbar. Eine THCV-reiche Medizinalblüte steht kurz vor der Markteinführung.
Für Duckenfield ist das der Beweis: Das heutige Verschreibungsangebot beschreibt nicht, was die Pflanze kann. Es beschreibt nur, was die Lieferkette bisher liefern und die Forschung bisher belegen konnte.
Als Züchter unterschreiben wir das sofort. Ein seltenes Cannabinoid in einer Einzelpflanze zu finden, ist ein Glückstreffer. Es stabil in eine Linie zu bringen, ist Handwerk. Keine Abkürzungen!
Das Dosierproblem bei Cannabisblüten in Zahlen
Vertrauen in eine Therapie entsteht laut Duckenfield aus zwei Faktoren: Bildung und Kontrolle. Ärztinnen und Ärzte müssen sich darauf verlassen können, dass ein Präparat die korrekte Dosis liefert. Nur dann funktioniert Titration, also das schrittweise Herantasten an die individuell wirksame Dosis. Patienten mit chronischen Erkrankungen brauchen dieselbe Sicherheit. Was letzten Monat gewirkt hat, muss diesen Monat genauso wirken. Eine Veränderung im Befinden sollte die Krankheit widerspiegeln und nicht das Medikament.
Genau hier ist die Blüte ein Ausreißer. In der Medizin wird in Milligramm oder Mikrogramm verschrieben, über Darreichungsformen mit gut verstandener Pharmakologie. Bei Blüten sieht das anders aus. In Großbritannien darf der tatsächliche Wirkstoffgehalt um bis zu 10 % vom Etikett abweichen. Zusätzlich wiegen Patienten jede Dosis selbst ab, mit derselben Toleranz. Beide Unsicherheiten addieren sich:
| Variable | Unterer Wert | Sollwert | Oberer Wert |
|---|---|---|---|
| THC-Gehalt der Blüte (±10 %) | 22,5 % | 25 % | 27,5 % |
| Abgewogene Menge (±10 %) | 0,18 g | 0,20 g | 0,22 g |
| Tatsächlich aufgenommenes THC | 40,5 mg | 50 mg | 60,5 mg |
Das Ergebnis ist eine Schwankung von rund 20 % nach oben oder unten. Dabei sind Faktoren wie Verdampfer, Inhalationstechnik oder der individuelle Stoffwechsel noch gar nicht eingerechnet. Für ein Arzneimittel ist das eine enorme Bandbreite.
Vom Samen zum Klon: Wie sich Variation eingrenzen lässt
Ein Teil der Schwankung liegt in der Natur der Sache. Blüten sind ein Naturprodukt, und keine zwei Pflanzen sind je wirklich identisch. Ein großer Teil der Investitionen bei Glass Pharms fließt deshalb in einen Zweck: diese Variation zu verkleinern.
Der erste Hebel ist die Genetik. Glass Pharms arbeitet mit ausgewählten Gewebekultur-Klonen statt mit Samen. Bei diesem Laborverfahren wird aus winzigen Gewebeproben einer Mutterpflanze unter sterilen Bedingungen eine genetisch identische Nachkommenschaft gezogen. So startet jede Pflanze einer Charge mit exakt demselben Erbgut. Bei frühen Tests mit Samen aus seriösen Quellen fand das Team bis zu sechs unterschiedliche Phänotypen in einer einzigen, angeblich homogenen Packung. Ein Phänotyp ist die sichtbare Ausprägung einer Pflanze, also Wuchs, Aroma und Wirkstoffprofil, die aus Genetik und Umwelt entsteht.
Wir sagen das offen: Das überrascht uns nicht. Genau deshalb ist konsequente hauseigene Selektion kein Marketing-Slogan, sondern Pflicht. Für Grower bedeutet stabile Genetik verlässliche Ernten. Für die Pharmazie ist der Klon der logische nächste Schritt.
Der zweite Hebel ist die Umgebung. Mehr als zehn Wachstumsfaktoren werden per KI und Fernsensoren gesteuert. Eine Roboterplattform bewegt die Chargen durch die Anlage, damit jede Wachstumsphase exakt die Bedingungen erhält, die sie braucht. Das bringt einen weit. Eine Tablette ist es trotzdem nicht.
Öle, Verdampfer und die nächste Stufe der Darreichung
Öle verbessern die Dosierkontrolle erheblich. Eine orale Dosierspritze ist vertraut, einfach zu handhaben und misst ein definiertes Volumen genau ab. Doch auch hier entscheidet die Anwendung mit. Entscheidend ist die Bioverfügbarkeit, also der Anteil eines Wirkstoffs, der tatsächlich im Blutkreislauf ankommt. Sie ist deutlich höher, wenn Cannabinoide sublingual aufgenommen werden, das heißt über die Blutgefäße unter der Zunge. Schluckt man das Öl zu früh, landen die Wirkstoffe im Verdauungstrakt, und ein Teil wird in der Leber abgebaut. Gleiches Volumen bedeutet deshalb nicht gleiche Dosis.
Verschiedene Formate im direkten Vergleich:
- Lose Blüte: vielseitig und bei Patienten beliebt, aber mit doppelter Toleranz bei Gehalt und Abwiegen.
- Öl mit Dosierspritze: präzise im Volumen, in der Wirkung jedoch abhängig von der Einnahmetechnik.
- Dosierkapseln für Verdampfer: vordefinierte Blütenmengen, die Wiegefehler reduzieren.
- Pharmazeutische Darreichungsformen: inhalativ oder oral, gezielt auf Dosiskontrolle ausgelegt, derzeit in Entwicklung.
Erste Fortschritte gibt es bereits. Storz & Bickel bietet Dosierkapseln an, und die Verdampfer des Herstellers sind als Medizinprodukt der Klasse IIa zertifiziert. Diese EU-Risikoklasse umfasst Geräte mit mittlerem Risiko, die eine Prüfung durch eine Benannte Stelle durchlaufen müssen. Glass Pharms arbeitet nach eigenen Angaben ebenfalls an inhalativen und oralen Formen, die auf präzise Dosierung und einfache Handhabung ausgelegt sind.
Regulierung und Patientenwunsch zusammenbringen
Die Frage der Darreichung ist wichtiger, als es zunächst scheint. Deutschland und Frankreich zeigen, dass Behörden mit loser Blüte als pharmazeutischem Produkt weiterhin fremdeln. Patienten dagegen greifen immer wieder zur Blüte, weil sie ihnen hilft. Zwei Positionen, die nicht zusammenpassen? Duckenfield sieht einen Ausweg: bessere Darreichungsformen. Das Ziel ist nicht, Patienten ein bewährtes Format wegzunehmen. Die Behörden sollen die Kontrolle bekommen, die sie einfordern.
Die Grundlage dafür existiert bereits. Es gibt zugelassene Arzneimittel, die Cannabinoide sicher einsetzen. Von dort aus ist es nicht vermessen, die Cannabismedizin am Anfang einer wichtigen Reise zu sehen statt an ihrem Ende. Der heutige Markt ist nicht die Grenze dessen, was die Pflanze kann. Er ist das Fundament.
Den nächsten Schritt sieht Duckenfield vor allem bei zwei Gruppen. Ausbilder müssen das Endocannabinoid-System in die medizinische Lehre holen. Regulierer müssen Rahmenbedingungen schaffen, die präzise Darreichung belohnen. Und wir Züchter? Wir liefern, was am Anfang jeder Kette steht: stabile, ehrlich beschriebene Genetik. Mittelmäßigkeit bringt hier niemanden weiter.
Häufig gestellte Fragen
Seit wann ist medizinisches Cannabis in Großbritannien legal?
Seit November 2018 dürfen Fachärzte im Vereinigten Königreich Arzneimittel auf Cannabisbasis wieder verschreiben. Zuvor war das 45 Jahre lang nicht möglich. Cannabistinkturen waren bis 1973 verschreibungsfähig, danach entstand eine lange Lücke in Praxis und medizinischer Ausbildung, die bis heute nachwirkt.
Was sind Nebencannabinoide wie CBG und THCV?
Nebencannabinoide sind Wirkstoffe, die in den meisten Cannabissorten nur in geringen Mengen vorkommen. CBG ist die chemische Vorstufe von THC und CBD, THCV ein THC-verwandtes Cannabinoid mit abweichendem Profil. Beide sind seit Jahrzehnten bekannt und stehen im Fokus aktueller Forschung zu möglichen therapeutischen Anwendungen.
Warum schwankt die Dosis bei Cannabisblüten so stark?
Zwei Toleranzen addieren sich. Der Wirkstoffgehalt einer Blüte darf in Großbritannien um bis zu zehn Prozent vom Etikett abweichen, und beim eigenen Abwiegen kommt eine ähnliche Ungenauigkeit hinzu. Aus geplanten 50 Milligramm THC können so zwischen etwa 40 und 60 Milligramm werden.
Welche Vorteile haben Gewebekultur-Klone gegenüber Samen?
Gewebekultur-Klone stammen aus Gewebeproben einer einzigen Mutterpflanze und sind genetisch identisch. Dadurch entfällt die natürliche genetische Streuung, die bei Samen auftreten kann. Für die pharmazeutische Produktion bedeutet das gleichmäßigere Wirkstoffprofile, während Samen für Grower vor allem dann überzeugen, wenn die Genetik sorgfältig selektiert wurde.
Warum wirkt Cannabisöl unter der Zunge anders als geschluckt?
Unter der Zunge gelangen Cannabinoide direkt über die Mundschleimhaut ins Blut. Geschluckt passieren sie zuerst den Verdauungstrakt und die Leber, wo ein Teil abgebaut wird. Die Bioverfügbarkeit ist sublingual deutlich höher, weshalb dieselbe Menge Öl je nach Einnahme unterschiedlich stark wirken kann.
Was bedeutet die Klasse-IIa-Zertifizierung bei Verdampfern?
Klasse IIa ist eine Risikoklasse für Medizinprodukte in der EU. Geräte dieser Klasse müssen von einer unabhängigen Benannten Stelle geprüft werden, bevor sie als Medizinprodukt vertrieben werden dürfen. Für Cannabispatienten bedeutet das nachweislich geprüfte Technik und damit eine verlässlichere Grundlage für präzises Dosieren.
Quellen
- Government announces that medicinal cannabis is legal, UK Home Office / GOV.UK, 2018-10-11
- Structure of a cannabinoid receptor and functional expression of the cloned cDNA, Nature, 1990-08-09




