Kenias Rastafari kämpfen für das Recht auf Cannabis, weil die Pflanze in ihrem Glauben ein Sakrament ist, also ein heiliges Mittel, um sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Ein Gericht in Nairobi hat am 15. Juli ihre Petition abgewiesen. Diese sollte Rastafari von der Strafverfolgung für Anbau, Besitz und Konsum ausnehmen. Die Gemeinschaft will nun vor die nächste Instanz ziehen. Warum uns das als Grower angeht? Hier wird nicht über Rausch verhandelt. Es geht um Glaubensfreiheit, kulturelle Identität und die Frage, wem eine Pflanze eigentlich gehört.
Rastafari: Eine afrozentrische Religion mit globaler Strahlkraft
Rastafari ist eine afrozentrische Religion und soziale Bewegung. Ihre Anhänger verehren den früheren äthiopischen Kaiser Haile Selassie I. als Messias und fleischgewordenen Gott. Im Zentrum steht die Überzeugung, dass Schwarze Menschen von Babylon unterdrückt werden. Babylon ist die Metapher der Rastafari für westlichen Kapitalismus und Imperialismus.
Entstanden ist die Bewegung in den 1930er-Jahren in marginalisierten afro-jamaikanischen Gemeinschaften. Auslöser war die Krönung Haile Selassies zum Kaiser. Protestantische Prediger deuteten sie als Erfüllung einer biblischen Prophezeiung. Ihren Namen trägt die Bewegung nach seinem Namen vor der Krönung: Ras Tafari Makonnen.
Weltweit bekannt wurde Rastafari vor allem durch Musik. Reggae-Künstler wie Bob Marley and the Wailers, Burning Spear und Culture trugen die Botschaft von Jah, Zion und Befreiung in jede Ecke der Welt. Als wichtiger Vordenker gilt außerdem der jamaikanische Aktivist Marcus Garvey. Er setzte sich für die Selbstbestimmung Schwarzer Menschen ein.
Das Ergebnis ist eine Glaubensrichtung, die ihre Wurzeln in Jamaika hat und ihr spirituelles Zentrum in Äthiopien. Gelebt wird sie heute auf allen Kontinenten, auch mitten in Kenias Hauptstadt Nairobi.
Groundation im House of Nyabinghi: Glaube, Trommeln und Rauch
In einem schwach beleuchteten Raum in Kibera, einem weitläufigen Viertel Nairobis, versammelt sich rund ein Dutzend Menschen. Trommeln pulsieren, ein Tamburin klirrt. Über eine Stunde lang wird gesungen, Lied für Lied, voller Bezüge zu Äthiopien, Jah, Zion und Haile Selassie I. Eine Strophe lautet sinngemäß:
„Keine Nacht in Zion, dort gibt es keine Nacht / Halleluja, dort gibt es keine Nacht / Rastafari ist unser Licht, und wir brauchen kein anderes Licht / Halleluja, dort gibt es keine Nacht.“
Die Singenden gehören zum House of Nyabinghi. Das ist eine der wichtigsten Konfessionen innerhalb von Rastafari. Solche Glaubensrichtungen heißen Mansions, also „Häuser“ der Bewegung. Namensgeberin ist eine legendäre ostafrikanische Frau, deren Name „Mutter des Überflusses“ oder „Sie, die viele Dinge besitzt“ bedeutet.
Das wöchentliche Treffen nennen Rastafari Groundation, eine gemeinschaftliche Zusammenkunft mit Gesang, Gebet und Meditation. An den Wänden hängen eine rot-gelb-grüne Flagge sowie Bilder von Haile Selassie I., Bob Marley und Marcus Garvey. Immer wieder knistert es, wenn jemand einen Joint anzündet, und der Duft von Cannabis erfüllt den Raum. Diese Groundation fand nur drei Tage nach dem Gerichtsurteil vom 15. Juli statt. Die Stimmung war entsprechend aufgeladen.
Vier Wege zu Rastafari: Stimmen aus Kibera
Viele kenianische Rastafari wurden in christliche Familien geboren und fanden erst später zu ihrem Glauben. Sie tragen den Titel Ras. Das Wort bedeutet auf Amharisch, der meistgesprochenen Sprache Äthiopiens, „Haupt“ oder „Oberhaupt“. Wie unterschiedlich die Wege sind, zeigen vier Mitglieder der Gemeinschaft in Kibera:
| Name | Alter | Rolle | Weg zu Rastafari |
|---|---|---|---|
| Ras Orudi | 38 | Kräuterkundiger | Inspiriert durch Reggae-Künstler wie Peter Tosh während der Schulzeit Mitte der 2000er |
| Ras Ndeto | 56 | Prophet, Sprecher der Rastafari Society of Kenya | Begegnung mit einem Rastafari aus Guyana in Nairobi Anfang der 1990er |
| Ras Dimo | 43 | Priester, leitet Gebete | Bücher über die Verbindung zwischen Schwarzen Menschen und der Bibel, kurz vor dem Schulabschluss |
| Ras Masinde | 50 | Gemeindemitglied | Kindheitsbegegnung mit einem Mann mit Dreadlocks, ab den 1990ern eigene Locks und Studium |
Ras Ndeto lernte von seinem guyanischen Lehrer die Livity kennen. Gemeint ist die spirituelle Praxis eines rechtschaffenen, naturverbundenen Lebens. Dazu gehören das Tragen von Dreadlocks und eine Ital-Ernährung, also eine pflanzenbasierte, möglichst natürliche Kost. Ras Dimo beschreibt seine Erkenntnis so: „Ich war inspiriert zu erfahren, dass Schwarze Menschen nicht verflucht sind, wie Imperialisten uns glauben machen wollten.“
Cannabis als Sakrament: Warum das Kraut heilig ist
Ein Sakrament ist eine heilige Handlung oder Substanz, durch die Gläubige mit dem Göttlichen in Verbindung treten. Im Christentum sind das etwa Brot und Wein. Für Rastafari ist es Marihuana, gewonnen aus den Blüten der Pflanze Cannabis sativa.
Der Konsum soll einen meditativen Zustand erzeugen, in dem sich die Gläubigen tiefer mit Jah verbinden. Die Pflanze ist hier weder Partydroge noch Lifestyle-Produkt. Sie ist ein zentraler Bestandteil der Andacht, vergleichbar mit Weihrauch in einer Kathedrale. Deshalb brennt sie auch während der Groundation im House of Nyabinghi: Gesang, Trommeln und Rauch bilden eine Einheit.
Genau daraus ergibt sich der Konflikt mit dem Staat. Wo Anbau, Besitz und Konsum von Cannabis strafbar sind, wird eine religiöse Kernhandlung automatisch zur Straftat. Rastafari weltweit setzen sich deshalb für die Entkriminalisierung ein.
Wichtig ist dabei, wie sich die Gläubigen selbst verstehen. Ras Orudi, Kräuterkundiger der Gemeinschaft in Kibera, stellt klar: „Rastafari lehnen das System nicht ab. Sie versuchen, sich in das System zu integrieren und gleichzeitig ihre Rechte zu verteidigen.“ Das ist kein Aufruf zur Rebellion. Es ist der Wunsch nach Anerkennung.
Der Rechtsstreit in Kenia: Von der Anerkennung zur Abweisung
Wie viele Rastafari in Kenia leben, ist unbekannt. Rechtlich hat die Gemeinschaft dennoch einen wichtigen Meilenstein erreicht. 2019 erkannte ein kenianisches Gericht Rastafari in einem wegweisenden Urteil als geschützte Religion an. Vorausgegangen war der Fall einer Schülerin, die ihrer Schule Diskriminierung vorwarf, nachdem sie wegen ihrer Dreadlocks ausgeschlossen worden war.
Auf dieser Grundlage reichte die Rastafari Society of Kenya 2021 eine Petition ein. Sie forderte eine von zwei Lösungen:
- eine Ausnahme für Rastafari von Festnahme und Strafverfolgung, wenn sie Cannabis als Sakrament anbauen, besitzen oder konsumieren, oder
- die Verpflichtung der Regierung, einen rechtlichen Rahmen für diese religiöse Praxis zu schaffen.
Die Gesellschaft argumentierte, das geltende Gesetz verletze Grundrechte, darunter die Religionsfreiheit und das Recht auf Gleichbehandlung. Das Ziel war eine Entkriminalisierung, also die Aufhebung der Strafbarkeit für diesen konkreten Zweck. Eine vollständige Legalisierung von Cannabis stand nicht zur Debatte.
Am 15. Juli wies das Gericht die Petition ab. Die Begründung: Die Gesellschaft habe unter anderem nicht nachweisen können, dass das Gesetz die Rechte der Rastafari auf verfassungswidrige Weise verletze. Für die Gemeinschaft ist das ein herber Rückschlag. Religion anerkannt, Sakrament verboten: Dieser Widerspruch bleibt vorerst bestehen.
Kenia im Vergleich: Wie andere Länder mit dem Sakrament umgehen
Kenia ist nicht das einzige Land, in dem Rastafari um ihr Sakrament ringen. Manche Staaten haben bereits Wege gefunden, Glaubensfreiheit und Drogenrecht miteinander zu vereinbaren. Ein Überblick:
| Land | Jahr | Stand für Rastafari |
|---|---|---|
| Jamaika | 2015 | Gesetzesreform erlaubt Rastafari die Nutzung von Ganja zu religiösen Zwecken |
| Antigua und Barbuda | 2023 | Rastafari dürfen Cannabis anbauen und Marihuana rauchen |
| Kenia | 2019 | Rastafari gerichtlich als geschützte Religion anerkannt |
| Kenia | 2021 | Petition der Rastafari Society of Kenya für Ausnahmeregelung eingereicht |
| Kenia | 15. Juli | Petition abgewiesen, Berufung angekündigt |
Die Beispiele aus der Karibik zeigen, dass eine religiöse Ausnahme rechtlich machbar ist. Beide Staaten haben enge kulturelle Verbindungen zu Rastafari: Jamaika gilt als Geburtsland der Bewegung, Antigua und Barbuda hat eine aktive Gemeinschaft. Die kenianischen Gläubigen verweisen dagegen auf Äthiopien und Ostafrika als spirituelle Heimat. Aus ihrer Sicht wäre es nur konsequent, wenn gerade ein afrikanischer Staat ihre Praxis schützt. Der Vergleich macht deutlich: Es geht nicht um das Ob, sondern um den politischen und juristischen Willen.
„Wie Terroristen im eigenen Land“: Die Folgen für die Gemeinschaft
Für Ras Ndeto, Prophet und Sprecher der Rastafari Society of Kenya, ist das Urteil mehr als eine juristische Niederlage. „Wir fühlen uns immer noch als Minderheit in diesem Land, weil sogar unsere Kultur weiterhin verachtet wird“, sagt der 56-Jährige. Und noch deutlicher: „Wir leben wie Terroristen in unserem eigenen Land.“
Die Entscheidung marginalisiere die Anhänger des Glaubens, so Ndeto. Die Gemeinschaft kündigte deshalb an, vor ein höheres Gericht zu ziehen. Aufgeben? Keine Option.
Hinter dem Streit um das Kraut steht ein größeres Anliegen: kulturelle Selbstbestimmung. Ras Masinde, 50, bringt es auf den Punkt: „Wir als Rastafari fordern Schwarze Menschen auf, zu ihren Wurzeln und ihrer Kultur zurückzukehren.“ Er fügt hinzu: „Wir fyah bun Kolonialismus und Imperialismus.“ Fyah bun heißt wörtlich „Feuer brennen“ und bedeutet im Sprachgebrauch der Rastafari so viel wie „verurteilen“ oder „anprangern“. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, sagt Masinde, sei vor den Augen des Allmächtigen gleich.
Auch Priester Ras Dimo sieht die Zeit kritisch: „Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen verblendet sind.“ Die Gemeinschaft in Kibera trifft sich weiter jede Woche. Die Trommeln verstummen nicht, nur weil ein Urteil gefallen ist.
Unsere Haltung: „Free up the herb. Free up the ganja seed.“
Ras Masinde beendet seine Worte mit einem Aufruf, der uns bei Shottas®Seeds direkt ins Herz trifft: „Free up the herb. Free up the ganja seed.“ Befreit das Kraut. Befreit den Ganja-Samen.
Wir sind Züchter. Jeden Samen, den wir anbieten, haben wir selbst selektiert, und jede Sortenbeschreibung beruht auf echten Anbauerfahrungen. Für uns ist Cannabis keine anonyme Handelsware. Die Pflanze hat Geschichte, Kultur und für Millionen Menschen eine spirituelle Bedeutung. Der Kampf der Rastafari in Kenia erinnert daran, dass hinter jedem Samen eine Tradition steht, die älter ist als jedes Verbotsgesetz.
Gleichzeitig gilt, was wir immer sagen: Informiert euch über die Gesetze in eurem Land. Die rechtliche Lage rund um Anbau und Besitz unterscheidet sich weltweit enorm. Das zeigt gerade der Vergleich zwischen Kenia, Jamaika und Antigua und Barbuda. Respekt vor der Pflanze heißt auch, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.
Wir verfolgen das Berufungsverfahren in Kenia mit großem Interesse. Authentizität, Transparenz, Respekt vor der Kultur: Das sind unsere Werte, von Growern für Grower. Und wir wünschen der Gemeinschaft in Kibera, dass ihre Stimme gehört wird.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist Cannabis für Rastafari heilig?
Rastafari betrachten Cannabis als Sakrament, also als heiliges Mittel der Andacht. Der Konsum soll einen meditativen Zustand erzeugen, in dem sich Gläubige tiefer mit Jah, dem Göttlichen, verbinden. Deshalb wird Cannabis bei gemeinschaftlichen Zusammenkünften wie der Groundation gemeinsam mit Gesang, Trommeln und Gebeten verwendet.
Was hat das kenianische Gericht am 15. Juli entschieden?
Das Gericht in Nairobi wies die Petition der Rastafari Society of Kenya ab. Diese hatte eine Ausnahme von der Strafverfolgung für Anbau, Besitz und Konsum von Cannabis als Sakrament gefordert. Laut Gericht konnte die Gesellschaft unter anderem nicht nachweisen, dass das Gesetz ihre Grundrechte verfassungswidrig verletzt.
Ist Rastafari in Kenia als Religion anerkannt?
Ja. 2019 erkannte ein kenianisches Gericht Rastafari in einem wegweisenden Urteil als rechtlich geschützte Religion an. Auslöser war der Fall einer Schülerin, die wegen ihrer Dreadlocks von der Schule ausgeschlossen worden war. Die religiöse Nutzung von Cannabis bleibt trotz dieser Anerkennung weiterhin strafbar.
In welchen Ländern dürfen Rastafari Cannabis legal nutzen?
Jamaika, das Ursprungsland der Bewegung, erlaubt Rastafari seit einer Gesetzesreform 2015 die religiöse Nutzung von Ganja. Antigua und Barbuda gestattete Rastafari 2023, Cannabis anzubauen und Marihuana zu rauchen. Diese Beispiele zeigen, dass religiöse Ausnahmen im Drogenrecht grundsätzlich möglich sind und in der Praxis funktionieren.
Was ist das House of Nyabinghi?
Das House of Nyabinghi ist eine der wichtigsten Konfessionen, auch „Mansions“ genannt, innerhalb der Rastafari-Bewegung. Benannt ist es nach einer legendären ostafrikanischen Frau, deren Name „Mutter des Überflusses“ bedeutet. Typisch für seine Zusammenkünfte sind Trommeln, Gesänge über Zion und Haile Selassie sowie der rituelle Gebrauch von Cannabis.
Wie geht es nach dem Urteil in Kenia weiter?
Die Rastafari Society of Kenya hat angekündigt, gegen die Entscheidung vor ein höheres Gericht zu ziehen. Ihr Sprecher Ras Ndeto kritisiert, das Urteil marginalisiere die Gläubigen weiter. Bis zu einer neuen Entscheidung bleiben Anbau, Besitz und Konsum von Cannabis auch zu religiösen Zwecken in Kenia strafbar.
Quellen
- Rastafari – religiöse und politische Bewegung, Encyclopaedia Britannica, 2024-07-01
- Kenya Law – National Council for Law Reporting, National Council for Law Reporting (Kenya Law), 2024-07-15




