Ein systemisches Versagen bei der Regulierung von medizinischem Cannabis
Mehr als 1.000 medizinische Cannabis-Produkte sind derzeit auf dem Markt erhältlich, verschrieben an Patienten mit chronischen Schmerzen, Epilepsie, Multipler Sklerose und anderen Erkrankungen. Die Zahl klingt nach Fortschritt, nach einer Branche, die endlich in der modernen Medizin angekommen ist. Nur zwei dieser Produkte wurden allerdings von der zuständigen Arzneimittelbehörde umfassend bewertet und zugelassen.
Was genau wurde aufgedeckt?
Investigative Recherchen zeigen, dass die britische Arzneimittelbehörde MHRA (Medicines and Healthcare products Regulatory Agency) von den über 1.000 verfügbaren medizinischen Cannabis-Produkten genau zwei einer vollständigen regulatorischen Bewertung unterzogen hat. Diese beiden Produkte, Epidyolex (ein CBD-basiertes Medikament gegen schwere Epilepsieformen) und Sativex (ein THC/CBD-Mundspray gegen Spastik bei Multipler Sklerose), haben den kompletten Zulassungsprozess mit klinischen Studien, Sicherheitsprüfungen und Qualitätskontrollen durchlaufen.
Alle übrigen Produkte werden über Privatrezepte verschrieben und gelangen als „unlicensed medicines", also als nicht zugelassene Arzneimittel, an die Patienten. Das ist legal. Es bedeutet aber, dass weder ihre Wirksamkeit noch ihre Sicherheit nach den Standards geprüft wurden, die wir bei jedem anderen Medikament voraussetzen.
Warum ist das problematisch?
Würden wir akzeptieren, dass 99,8 % aller Blutdrucksenker oder Antibiotika ohne vollständige Zulassung auf den Markt kommen? Wohl kaum. Bei medizinischem Cannabis ist genau das die Norm.
Die Folgen betreffen zuerst die Patienten. Ohne umfassende Prüfung gibt es keine Garantie für gleichbleibende Wirkstoffgehalte, für Reinheit oder für die Abwesenheit von Schwermetallen, Pestiziden und Schimmelpilzen. Auch die Ärzte arbeiten im Blindflug: Sie verschreiben Produkte, für die keine robusten klinischen Daten zur Wirksamkeit vorliegen, und stützen sich auf Erfahrungswerte statt auf Forschung.
Dazu kommt der Schaden für das Vertrauen. Jeder Vorfall mit einem minderwertigen Cannabis-Produkt fällt auf die gesamte Branche zurück und bestätigt Skeptiker in ihren Vorbehalten. Und weil die meisten Produkte nur über teure Privatrezepte zugänglich sind, bleibt medizinisches Cannabis faktisch ein Privileg derjenigen, die es sich leisten können.
Ein Problem, das weit über Großbritannien hinausreicht
Die aktuellen Recherchen betreffen den britischen Markt, doch die Lage ist in vielen Ländern ähnlich. Auch in Deutschland, wo Cannabis seit 2017 als Medizin verschrieben werden kann und der Markt seit der Teillegalisierung 2024 weiter wächst, gibt es strukturelle Probleme. Die Qualitätsstandards variieren je nach Herkunftsland der Blüten und Extrakte, und die wissenschaftliche Evidenz hinkt der schnellen Marktentwicklung hinterher.
Was die Branche braucht, ist Transparenz: keine Marketingversprechen, sondern nachprüfbare Daten. Das gilt für medizinische Cannabis-Produkte genauso wie für Saatgut. Bei Shottas Seeds halten wir uns daran: Jede Sortenbeschreibung basiert auf tatsächlichen Anbauerfahrungen, nicht auf Wunschdenken. Denselben Anspruch sollte die gesamte Cannabis-Industrie haben.
Was muss sich ändern?
Medizinisches Cannabis muss nicht strenger reguliert werden als andere Medikamente, sondern genauso streng. Nicht mehr, nicht weniger. Konkret heißt das:
- Arzneimittelbehörden müssen spezifische Zulassungswege für Cannabis-basierte Medikamente schaffen, die eine gründliche Bewertung erlauben, ohne den Zugang unnötig zu verzögern.
- Regierungen und Privatwirtschaft müssen endlich in großangelegte klinische Studien investieren, um die Wissenslücken zu schließen.
- Jedes medizinische Cannabis-Produkt, ob zugelassen oder nicht, sollte verpflichtenden Tests auf Potenz, Reinheit und Kontaminationen unterliegen.
- Patienten haben das Recht zu wissen, ob das ihnen verschriebene Produkt zugelassen ist und was dieser Unterschied bedeutet.
Unser Standpunkt
Wir bei Shottas Seeds sind Züchter, keine Pharmakonzerne. Aber eine Überzeugung teilen wir mit jedem seriösen Akteur der Branche: Bei der Qualität wird nicht verhandelt. Ob feminisierter Samen oder medizinisches Präparat, der Anspruch bleibt derselbe. Von Growern für Grower entwickelt heißt auch, ehrlich über das zu sprechen, was in unserer Industrie noch nicht funktioniert.
Dass nur zwei von über 1.000 Produkten vollständig geprüft wurden, zeigt nicht, dass Cannabis als Medizin nicht funktioniert. Es zeigt, dass wir als Gesellschaft bisher nicht bereit waren, es ernst genug zu nehmen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie viele medizinische Cannabis-Produkte wurden von der Arzneimittelbehörde geprüft?
Von über 1.000 verfügbaren medizinischen Cannabis-Produkten hat die britische MHRA zwei vollständig bewertet und zugelassen: Epidyolex und Sativex. Alle übrigen Produkte werden als nicht zugelassene Arzneimittel über Privatrezepte verschrieben.
Sind die nicht zugelassenen Cannabis-Produkte illegal?
Nein, die Verschreibung nicht zugelassener Arzneimittel ist in vielen Ländern legal. Sie bedeutet jedoch, dass diese Produkte nicht denselben strengen Prüfungen zu Wirksamkeit, Sicherheit und Qualität unterzogen wurden wie zugelassene Medikamente.
Welche Risiken bestehen für Patienten?
Ohne vollständige regulatorische Bewertung drohen schwankende Wirkstoffgehalte, Verunreinigungen und fehlende klinische Evidenz für die Wirksamkeit bei bestimmten Erkrankungen. Patienten tragen damit ein höheres Risiko als bei vollständig zugelassenen Medikamenten.
Betrifft dieses Problem nur Großbritannien?
Nein. Die konkreten Recherchen betreffen den britischen Markt, doch ähnliche regulatorische Lücken gibt es in vielen Ländern, auch in Teilen Europas. Die wissenschaftliche Evidenz hinkt der Marktentwicklung fast überall hinterher.
Was kann die Cannabis-Branche tun, um das Problem zu lösen?
Nötig sind beschleunigte Zulassungsverfahren speziell für Cannabis-basierte Medikamente, umfangreiche Investitionen in klinische Forschung, verbindliche Qualitätsstandards für alle Produkte und eine konsequente Aufklärung der Patienten über den Zulassungsstatus ihrer Medikamente.
Quellen
- TGA eBusiness Services — Suchmaschine für Arzneimitteldokumentation (Product Information), Therapeutic Goods Administration (Australia)
- Medical Board of Australia — Standards und Leitlinien für Ärzte, Medical Board of Australia / Ahpra
- Epidyolex (Cannabidiol) — Informationen zum Arzneimittel, European Medicines Agency (EMA)




